„Jetzt oder nie!“ – Eckhart Tolle in Winterthur

In diesem Beitrag geht es spirituell auf Tauchgang in die tiefen Einsichten Eckhart Tolles in das menschliche Bewusstsein, wie er sie Anfang Oktober 2019 während seiner Deutschland-Tour „Jetzt oder nie!“ zum Besten gab.

Ein verhutzeltes Männlein tritt auf die Bühne und nimmt wie immer bei seinen Veranstaltungen neben einem Blumenarrangement Platz – ein etwas schräger Anblick, der leicht an ein Grabgesteck erinnert – und begrüßt das mehrere Tausend Menschen große Publikum mit „Grüezi mitanand“.

Der Vortrag war für ihn und für alle, die ihm durch seine Videos und Bücher folgen, eine Besonderheit, denn Tolle hielt diesen in deutscher Sprache. Seit 25 Jahren lebt er im englischsprachigen Raum und erklärt, er sei deshalb „ein wenig sprachbehindert“ im Deutschen, das seiner Ansicht nach über die Jahre etwas eingerostet ist. Er lese jedoch Bücher aus vielen Fachbereichen auf Deutsch.

Auch auf einer ihm fremd gewordenen Sprache vermag er es, auf beeindruckend detaillierte Weise Erkenntnisse aus der Tiefe unseres Seins , die jeder, der mit Meditation Erfahrung hat, bereits erahnt, durch das Mittel der Sprache in unser konzeptuelles, gedankliches Bewusstsein zu heben.

Dabei mahnt er immer wieder an, die Gedanken zu benutzen ohne von den Gedanken benutzt und von ihnen besessen zu werden.

Zunächst greift er noch einmal einige Konzepte auf, die er auch in seinen bisherigen Büchern, insbesondere „Die Kraft des Jetzt“ und „Eine neue Erde“, erklärt.

So zunächst die allgegenwärtige Stille: Wenn wir uns der Stille im Raum und zwischen den Worten und im Hintergrund der Worte bewusst werden, was geschieht im Bewusstsein? Denken ist nicht mehr möglich, denn Denken überdeckt die Stille, und kreiert „mental noise“. Achten wir jedoch auf die Stille, bleiben wir des gegenwärtigen Moments und der Essenz in uns vollkommen bewusst.

Eckhart Tolle erklärt schließlich, dass wir als Identität der körperlichen und psychologischen Form existieren. Das ist unser gegenständliches Bewusstsein, das besteht aus Sinneswahrnehmungen, Gedanken, Emotionen und aus Narrativen, die sich aus vergangenen Erlebnissen füttern, und schließlich unser oberflächliches, konditioniertes Ich darstellt. Er erinnert daran, dass es niemanden gibt, dessen Leben auf dieser Ebene völlig ohne Probleme ist. Auf liebevolle Art nimmt er Menschen auf die Schippe, die dieses gegenständliche Bewusstsein auf den sozialen Medien durch die Inszenierung der Inhalte dieses konditionierten Ichs noch einmal auf eine höhere Stufe der Überidentifikation mit dieser oberflächlichen Identität setzen. Dieses Ego-Bewusstsein ist nicht nur auf individueller Ebene vorhanden, sondern ein kollektiver Bewusstseinszustand.

Das Gefühl des Unglücklichseins ist nicht durch Lebensumstände erzeugt, sondern durch die Geschichte, die Interpretation, die wir uns darüber erzählen. Wir sind in der Folge oft frustriert oder schränken uns durch diese Geschichten, die wir uns erzählen, selbst ein. Das Wissen um die Entstehung von Leid ist erstaunlicherweise in dieser Form und unverändert treffend auch für die heutige Zeit schon seit Jahrtausenden bekannt, zum Beispiel in Form des Konzeptes von Dukkha im Buddhismus.

Jeder Gedanke, den wir haben, bringt ein Selbstgefühl mit sich. Im Normalfall glauben wir unseren eigenen Gedanken. Werden diese kritisiert, fühlen wir uns in der Folge in unserem Selbst angegriffen und reagieren entsprechend defensiv. Dieses Selbstgefühl, das aus unseren Gedanken und Emotionen resultiert, basiert auf Unbewusstheit. Wir sind uns in diesen Momenten unserer wahren Essenz nicht bewusst. Tolle erklärt bzw. erinnert viel mehr daran, dass sowohl Jesus als auch Buddha dazu aufriefen, die Illusion des Selbst zu erkennen, als sie sagten „Verneine dich selbst!“ (Jesus) bzw. „Das Selbst ist eine Illusion.“, was dem Buddha als Kernbotschaft zugeschrieben wird. Dabei bedauert er, dass man in den Kirchen nur selten darüber spricht, bzw. dass die Möglichkeit der Verwandlung des Bewusstseins nicht verstanden und mehr in den Mittelpunkt gerückt wird.

Eine neue Menschheit

Wie kamen wir eigentlich als menschliche Spezies überhaupt dazu, uns selbst zu verlieren?

Eckhart Tolle sieht das so: Die Entwicklung der Sprache und der Fähigkeit, komplex und abstrakt zu Denken, haben wir wie bereits erwähnt um den Preis erlangt, dass wir uns völlig in den Konzepten der Gedanken verloren haben. Damit  haben unsere Verbindung zu einer tieferen Ebene des Seins verloren bzw. wissen nicht mehr, dass diese überhaupt existiert.

Tolle ist davon überzeugt, dass die Schöpfung des Menschen noch in vollem Gange ist und in der Evolution des menschlichen Bewusstseins besteht, was er auch in „Eine neue Erde“ schildert.

Die Konditionierung des kollektiven und persönlichen Egos, welche beide im Menschen angelegt sind, erfolgt also zunächst durch Identifikation. Manchmal ist dabei das kollektive Ego stärker als das persönliche. Das tiefe Ich steht als räumliches Bewusstsein in Kontrast zu diesem gegenständlichen Bewusstsein. Seine Erklärung zur Entstehung von Sucht nach Alkohol, Drogen und anderen Dingen besteht darin, dass wir dank dieser Dinge unterhalb des Denkens fallen. Das befreit uns zunächst von unserem Leid, allerdings nur kurzfristig und wir benötigen immer mehr dieser süchtig machenden Substanzen, Dinge oder Handlungen, um uns auf diese Weise von unserem Denken zu befreien.

Der Weg des Menschen ist Tolle zu Folge jedoch nicht eine Regression auf diese Ebene unterhalb der Gedanken sondern ein sich Erheben, ein Erlangen von Unabhängigkeit von den Gedanken. Allein die Stille zu bemerken ist schon ein sich Erheben über die Ebene der Gedanken und hilft dabei, in sich die Möglichkeit zu erkennen, dass man nicht immer in den Gedanken verfangen sein muss.

Der Tatsache, dass wir Dinge mit Etiketten versehen, eine persönliche Beziehung mit ihnen haben, oft basierend auf unseren vergangenen Erfahrungen, können wir entgegenwirken, indem wir so aufmerksam sind, dass das zwanghafte Benennen nicht mehr stattfindet, sondern wir in der eine reinen Wahrnehmung der Dinge sind und uns somit von unserem konditionierten Bewusstsein befreien und die Dinge lebendiger werden. Das hört sich für einige sicher sehr abstrakt an, hier knüpft jedoch eine sehr realitätsbezogene Mindfulness-Praxis an, die „habit releasers“ (aus der MBSR stammend). Man versucht hierbei, sich das achtsame Wahrnehmen der Umwelt ohne Etikettierungen einfacher zu machen, indem man Routinen aufbricht, und zwar dadurch, dass man gewisse alltägliche Dinge gezielt anders macht als sonst. Beliebte „habit releasers“ sind beispielsweise . So fällt es aus dadurch neu eingenommenen, ungewohnten Perspektiven deutlich leichter, alles, was uns umgibt, bewusst und ungefiltert durch unsere Etikettierungen wahrzunehmen, mit all der Lebendigkeit, Schönheit und Präsenz der Dinge im Raum.

Symbolik des Kreuzes

Besonders interessant war an jenem Nachmittag, wie Eckhart Tolle das christliche Symbol des Kreuzes (neu-?) interpretierte. Er sieht im Kreuz genau das symbolisch angelegt, was er zuvor erklärte, nämlich das gegenständliche Selbst als horizontale Dimension einerseits, unsere Oberfläche also, die geprägt ist von unserer Vergangenheit und unseren Zukunftsvorstellungen, und die vertikale Ebene als räumliches Bewusstsein. In dieser Neuinterpretation des Kreuzes sieht er die vertikale Dimension als Möglichkeit der Transzendenz der horizontalen Dimension, bzw. des Selbst, das darauf lebt.

Um diese Vorstellung des Kreuzes als zwei verschiedene Ebenen des Seins zu unterstreichen, wies er uns darauf hin, dass jeder von uns mehr weiß, als Jesus oder Buddha an konzeptuellem Wissen (auf der horizontalen Ebene) je wussten. Es geht um etwas ganz anderes: die Tiefendimension zu entdecken und Weisheit zu erlangen. Weisheit wiederum kann nur entstehen durch räumliches Bewusstsein. Natürlich müssen wir in zwei Welten leben und entkommen der horizontalen Ebene nicht, doch können wir sie transzendieren, indem wir finden oder uns allein schon auf die Suche machen danach, wer wir jenseits des physischen Körpers und des Egos sind.

Namasté – unsere Essenz, Quelle der Inspiration

Die Yogis im Publikum kamen auf ihre Kosten, als er zur Veranschaulichung dieses Selbst auf der vertikalen Ebene auf den Gruß „Namasté“ zurückgriff, der eben dies beinhaltet und von ihm so übersetzt wird: Das Sein, das ich in mir erkenne, ist das gleiche, das ich in dir erkenne (auch wenn du selbst es nicht erkennst!). Es lebt in dir und durch dich, die zeitlose Essenz hinter der Form.

Der Versuch, sich gedanklich zu finden oder zu verstehen, ist dabei ein Hindernis. Im Moment des Eintretens in das Selbst wissen und denken wir nichts.

Auch plötzliche Realisierungen kommen aus der Tiefe, wenn Menschen die Gedankenwelt für eine Zeit verlassen, dies kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass wir Musik hören oder gerade duschen, also irgendeiner Aktivität nachgehen, die uns für kurze Zeit vom Selbst befreit. So scheint es auch mit Einsteins Relativitätstheorie geschehen sein, ebenso mit Kompositionen.

Dies zeigt, dass alles, was wirklich inspiriert ist, aus der tiefen Ebene kommt und dann nur noch durch Gedanken ausgedrückt. Versuchen wir, ähnlich inspirierte Leistungen allein über die konzeptuelle Ebene der Gedanken hervorzubringen, bleiben wir gefangen im gegenständlichen Bewusstsein.

Der Tod – Impermanenz als Öffnung ins Räumliche

Unsere Vergänglichkeit und die aller der Zeit unterworfenen Dinge wird in yogischen Philosophien als der Urgrund für avidya, also Unwissenheit bzw. Verdrängung der Wahrheit, betrachtet.

Tolle ruft dem Publikum ein Foto einer Straßenszene aus dem Jahr 1905 vors geistige Auge und fragt: Wer sind die Menschen? Wie heißen die Menschen? Was sind ihre Probleme? Niemand erinnert sich heute, mehr als 100 Jahr später, daran.

Diese Kurzlebigkeit ist jedoch gleichzeitig eine tiefe, wunderbare spirituelle Erfahrung, wenn man sich näher mit ihr auseinandersetzt. Buddhistische Mönche begeben sich deshalb zur Bewusstwerdung der Kürze des menschlichen Daseins zum Meditieren unter Leichen.

Zum Thema Tod holt Tolle noch einmal kurz etwas weiter aus, was das Bewusstsein allgemein angeht. Aus der Perspektive der Wissenschaft ist unser Bewusstsein ein Nebenprodukt der chemischen Vorgänge bzw. „Suppe“ im Gehirn. Auch ein Eckhart Tolle weiß, dass das Gehirn sicherlich in Beziehung zum Bewusstsein steht, stellt aber so Einiges in Frage, was diese wissenschaftliche Sicht der Dinge als logische Folge suggeriert bzw. nicht weiter beantworten kann.

Er hält es beispielsweise für sehr problematisch, die Lehre des Buddha als Nebenprodukt der chemischen Suppe im Gehirn zu betrachten. Ebenso fragt er sich, wo genau Erinnerungen im Gehirn sind, als was sie gelebt haben bzw. gelebt werden, und natürlich auch: Wo bin ich im Gehirn?

Er zweifelt an, dass das räumliche Bewusstsein in einem Menschen ebenso vergeht wie sein Körper und hat ein einleuchtendes Bild hierfür parat: Angenommen, ein Ziegelstein fällt auf ein Radio, auf dem gerade die Neunte Sinfonie gespielt wird und die Neunte Sinfonie hört auf zu spielen, weil das Radio nun kaputt ist – Ist dies der Beweis, dass das Radio selbst die Neunte Sinfonie produziert?

Wieder zitiert er Jesus mit „Ich bin das Licht der Welt“ bzw. “Ihr seid das Licht der Welt“, der Tolle zufolge nichts Anderes damit gemeint hat, als zu sagen: „Du bist das Bewusstsein, das dein Gehirn nutzt, um sich auszudrücken.“

Am Ende seiner Ausführungen zum Tod merkt er noch an, dass dies nun nur Futter für den Verstand gewesen sei, damit er aufhört, zu viel darüber nachzudenken und daran zu verzweifeln, denn die Frage, was nach dem Tod geschieht, hat durchaus das Potenzial, uns in der Welt unserer Gedanken festzuhalten.

Gott

Sich nach dem Tod thematisch in noch weitere Höhen begebend, beginnt er, über Gott zu philosophieren, und schwingt erst einmal wieder die Keule des Abstrakten, als er sagt: „Gott existiert nicht in Raum und Zeit, Gott ist transzendent.“ Ihm zufolge existiert Gott also nicht als Etwas und „existieren“ ist das falsche Wort, um ihn/sie/es zu beschreiben. Gott ist vor der Existenz, das ursprüngliche Sein. Damit erinnert er natürlich stark an das Konzept des Brahman der Hindus, zitiert jedoch auch hier wieder Jesus: „Das Himmelreich kommt nicht mit Zeichen, die du sehen kannst.“ Er versteht dies als die Botschaft, dass Jesus dieses Himmelreich eigentlich als dem Menschen selbst innewohnend ansieht. Das „Reich“ ist somit eine innere Dimension der Räumlichkeit bzw. des Bewusstseins und damit etwas, was nicht gegenständlich sein kann und auch nicht selbst Objekt sein kann. Dieses Bewusstsein ist die Quelle allen Lebens.

Genauso wie ein Sonnenstrahl Teil der Sonne ist, so ist das Bewusstsein im Einzelnen auch Teil Gottes, des Himmelreichs, oder auch des größeren Bewusstseins. Wir sind also eine Ausstrahlung der Quelle des Universums.

Wenn wir also uns finden und als Bewusstsein erkennen, erkennt das Universum sich selbst. Tolle geht dabei sogar so weit zu sagen, wir haben unser Leben verfehlt, wenn wir diese Dimension nicht in uns finden und spüren im Hintergrund, im jetzigen Moment. Schon an der berühmten Orakelstätte, dem Apollotempel von Delphi, sei die Inschrift „Erkenne dich selbst!“ zu lesen.

Yogi-Fazit 

Es war ein t(T)olles Erlebnis, den Worten dieses bescheidenen, weisen Menschen zu lauschen, dessen Herzensangelegenheit eine sehr yogische ist, nämlich Menschen dazu zu bringen, weg vom Denken und Glauben hinein in die tiefe Erfahrung des Selbst zu kommen.

Wie auch immer wir das Göttliche noch nennen mögen – Brahman, Atman, Quelle des Universums, Gott, Himmelreich, Urbewusstsein – „Das Ziel des Yoga ist es, das Bewusstsein dem Göttlichen gegenüber zu öffnen und immer mehr im inneren Bewusstsein zu leben, während man aus ihm heraus auf das äußere Leben einwirkt.“ (Sri Aurobindo)

 

Bildnachweis: FlickrThe Dalai Lama @ The Vancouver Peace Summit

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