Was ist Yoga?

Jeder beantwortet die Frage danach, was Yoga ist, wenn auch im Kern ähnlich, wahrscheinlich etwas anders. Was folgt, ist also meine Sicht auf Yoga, die auch einen kleinen ersten Überblick über Yoga allgemein gibt.

Iyengar, Ashtanga, Kundalini, Jivamukti, Anusara, Prana Vinyasa Flow, Power Yoga, Yin Yoga, Inside,  …

Jedes Jahr reihen sich neue Konzepte in eine lange Liste an Yogastilen mit ein, die eine besondere Art der Vermittlung von Asanas, also Positionen im Yoga, eine besondere Philosophie oder einen anderen besonderen Schwerpunkt in den Fokus rücken.

All den Yogastilen, die hauptsächlich im Westen aufgeblüht sind, nachdem der Yoga Anfang des letzten Jahrhunderts dorthin gelangte, liegt auch eine Vielfalt im Grundverständnis gewisser Aspekte des Yogas inne. In dieser bunten Welt ist die Idee des Yoga, wörtlich „Vereinigung“ oder „Integration“, auch ab und an als „Anschirren“ oder „Unterjochen“ (des Geistes) übersetzt, immer die Gleiche. Es sind die Perspektiven und die Schwerpunkte, die unterschiedlich gelagert sind. Ich finde, dass jeder Yogi, jede Yogini sich auf diesem breiten Feld austoben sollte, um sich schließlich einen eigenen Reim draus zu machen, was Yoga für sie oder ihn bedeutet. Alles, was folgt, spiegelt daher letztlich meine ganz persönlichen Vorstellungen wider.

Yoga asana

Die Asana-Praxis, also das, was sich die meisten Menschen unter Yoga vorstellen, nämlich eine körperliche Praxis in einem Kurs gemeinsam mit einem Lehrer, oder auch alleine zu Hause auf der eigenen Matte, ist überragend und kann auch schon allein auf körperlicher Ebene zu mehr Raum verhelfen, Blockaden lösen und für eine gesteigerte Körperwahrnehmung sorgen.

Ich denke, man kann sagen, die Asanas sind deshalb in gewisser Weise durchaus ein Zweck in sich selbst. Jedes Krama, das heißt jede Variante einer Asana, die abhängt von den anatomischen Gegebenheiten einer Person und deren Grad an Erfahrung, ist dabei in meinen Augen absolut gleichwertig. Natürlich sieht es anmutig aus, wenn ein geübter Yogi sich aus dem Kopfstand in ein Rad manövrieren kann, aber wir machen Yoga schließlich meistens nicht, um andere zu beeindrucken. So ist Funktionalität meiner Ansicht nach absolut vorrangig, die Ästhetik dabei lediglich ein Nice-To-Have. Wen außer deinem eigenen Ego interessiert es schon, ob du deine Fersen im herabschauenden Hund auf die Matte bringst und deine Wirbelsäule dabei gleichzeitig gerade bleibt? Die Hauptsache auf körperlicher Ebene sind eine gesunde Ausrichtung und ein achtsamer Umgang mit dem Körper. Erfahren wir auf physischer Ebene Transformation, zum Beispiel dadurch, dass wir merken, wie wir stärker und koordinierter werden, Balancen besser halten können, mehr Raum schaffen können, Gewebe geschmeidiger wird, so kann das eine tolle Erfahrung sein, die bewirkt, dass wir mehr und mehr auch in anderen Bereichen an unser eigenes Potenzial glauben.

Was in Asana-Klassen leider auch passiert und was ich eher unpassend finde, ist, dass Schüler während der Praxis von ihren Lehrern gedemütigt oder mit Härte behandelt werden, wie es wohl einige Iyengar-Lehrer tun (nicht so meine großartige Iyengarlehrerin), oder wie es auch für Bikram Choudhury typisch ist. Schüler werden dabei bisweilen aufgefordert, weit über eigene körperliche Grenzen hinauszugehen. Insbesondere wir Deutschen, auch Österreicher, leben geschichtlich und kulturell bedingt in Gesellschaften, die von Schuld, Angst, mangelnder Selbstliebe und ständigem Optimierungszwang durchsetzt sind. Das mag in Indien vielleicht anders aussehen, aber hierzulande sind Härte und der Aufruf zur absoluten Selbstkasteiung in meinen Augen fehl am Platz.

#morethanasana

Viel, viel mehr ist die Asana Praxis, wie ich für mich nach einigen Jahren immer wieder feststelle, letztlich nur Mittel zum Zweck. Das Ausüben von Asanas selbst ist eine Steilvorlage für die Auseinandersetzung mit den eigenen mentalen und emotionalen Prozessen, die im Hintergrund dabei ablaufen. Frustration und Ungeduld, aber auch Höhenflüge und Stolz genauso wie die Anhaftung an bestimmte Vorstellungen wollen wahrgenommen werden und sich durch ein reines Sich-Ihrer-bewusst werden auf Dauer transformieren.

Asanas zu praktizieren ist meiner Erfahrung nach eine Metapher aufs Leben jenseits der Matte und somit ein Übungsfeld, das Raum bietet zur Selbsterforschung, zum Setzen und Pflegen von Fokus und dazu, das eigene Ego immer wieder an die Kandare zu nehmen.

„Yoga ist, wenn jede Zelle des Körpers das Lied der Seele singt“, meinte B. K. S. Iyengar einmal.

Yoga hat, um die Vereinigung aller in uns angelegten Ebenen noch viel mehr zu bieten, das über die Arbeit mit dem Körper weit hinausgeht. Patanjali beschreibt in seinen Yoga Sutras vor über zwei Jahrtausenden den Ashtanga (ashta = acht, anga = Glied), einen achtgliedrigen Pfad, dessen Bestandteile dem Suchenden ermöglichen sollen, sich selbst zu erkennen und tiefe Einblicke in den Zusammenhang unseres Lebens als Individuum mit dem Rest der Welt und dem Universum zu erlangen.

Die einzelnen Stufen dieses Weges, die aufeinander aufbauen, sollen uns helfen, Hindernisse auf dem Weg dorthin zu überwinden – die Kleshas, die unseren Geist verwirren – und geben konkrete Handlungsanweisungen.

Am Anfang stehen die Yamas und die Niyamas, wobei sich die Yamas mit Aspekten des Umgangs mit der Umwelt beschäftigen und die Niyamas mit denen des Umgangs mit uns selbst. Auch die Asanas, also die Körperhaltungen, die im Westen als Hauptbestandteil von Yoga verstanden werden, bilden ein Glied auf diesem Pfad. Das nächste Element ist Pranayama, yogische Atemtechniken. Nach dem Umgang mit dem Atem folgt der Umgang mit den Sinnen, pratyahara, was genauer gesagt einen Rückzug bzw. ein Sammeln der Sinne beschreibt. Die sechste Stufe ist dharana und umfasst die Ausrichtung der Konzentration auf einen Punkt. Damit bildet sie eine Vorstufe zur nächsten Ebene: dhyana, der gedankenfreien Meditation. Das letzte Glied auf diesem Pfad ist erreichbar, wenn die vorherigen Elemente ins Leben integriert und ernsthaft praktiziert werden. Er beschreibt eine absolute Versenkung bzw. Erfahrung von Bewusstsein, oft auch beschrieben als Zustand absoluter Glückseligkeit – samadhi. Patanjali sagt dazu: „Wenn unser Geist mit dem in uns, was erkennt, vollständig identisch ist, herrscht Freiheit.“

Ich finde es erstaunlich, wie lebensnah dieser Pfad noch heute ist. Yoga-Philosophie ist für mich eine riesige Schatztruhe, in die zu vertiefen es sich immer wieder lohnt.

Mitten im Leben

Sich irgendwo in ein Ashram oder in einen Tempel zurückzuziehen ist ein Weg, sich spirituell zu verwirklichen. Die wahre „Schlacht“ findet letztlich doch immer im alltäglichen Leben jenseits der Yogamatte und der Meditationsecke statt. Als Übende(-r) wird einem immer wieder vor Augen gehalten, dass wir zuerst in uns gehen und dort Frieden finden müssen, bevor wir Erfüllung und Frieden im Außen empfinden können, so abgedroschen es auch klingt. Der Yoga lehrt an einigen Stellen, wo das menschliche Dasein „counter-intuitive“ ist und wir die Zügel nicht unserem logischen Denken, unseren Sinnen oder unserem Ego überlassen sollten.

Durch das regelmäßige Praktizieren all dessen, was Yoga umfasst,  – körperlich, mental, spirituell – können wir unseren eigenen Körper und Geist als einen sicheren Ort erleben und auch im Alltag Leichtigkeit erfahren, die nicht von äußeren Umständen oder Materiellem abhängt. Wir können Rollen und Perspektiven, mit denen wir uns identifizieren, loslassen, und die Kontinuität jenseits all dieser Rollen erfahren.

Ich denke, was Yoga so beliebt macht, ist, dass er, egal in welcher Ausprägung man den Yogaweg geht, immer ein Streben nach höheren Ebenen der menschlichen Erfahrung und Positivität verkörpert. Dabei bietet er ein unglaublich vielfältiges Repertoire an praktischen Anleitungen und spirituellen Orientierungshilfen an. Wir alle befinden uns an unterschiedlichen Bushaltestellen auf unserer Reise und ich bin mir sicher, dass Yoga das Potenzial hat, jeden Menschen, der sich darauf einlässt, genau dort abzuholen.

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